Einen Augenblick mit… Guido Westerwelle

12.09.2005, Altes Rathaus, Potsdam

Ein perfekter Steuervortrag in einem herrschaftlichen Ambiente. Guido Westerwelle sprach im Alten Rathaus in Potsdam und versprach weniger Steuern,  mehr Jobs. Ein Perfektionist bei der Arbeit, kenntnisreich und faktensicher, sein Tonfall oftmals überdreht.

Ein Musterschüler, der auffallen möchte. Guido Westerwelle, das war der Mann mit der gelbe 18 auf der Schuhsuhle, der Mann, der ins Big Brother Haus ging und mit Guidiomobil durch die Republik tourte; einen Wahlkampf später in seiner lang ersehnten Regierungszeit mit diplomatischen Fettnäpfchen und Peinlichkeiten an sich selbst scheiterte.

In den den letzten Jahren als Außenminister fand Westerwelle eine Ruhe und Diplomatie, die Größe ausdrückte. Später, schwer gezeichnet von seiner Krankheit, kam Tiefe und Mitgefühl dazu. Er sprach nun aus dem Inneren, statt seine Kenntnisse mit lauten, schrillen Töne zu übertünchen. Ein Perfektionist mit Herz.

Wo stände die FDP heute, wenn Guido Westerwelle diese Rolle schon früher gefunden hätte, zum Beispiel an diesem Septembertag in Potsdam? Die Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik, der Rahmen unseres Arbeitslebens wäre vielleicht ein anderer, gerechterer? Aber so blieb an diesem Tag neben den makellosen Steuervortrag vor allem Westerwelles Abgang in Erinnerung. Er ging nicht wie Andere hinter die Bühne, suchte keinen Seitenausgang, nein, er trat durch die Mitte des Saales hinaus auf die Straße. Ich lief noch ein paar Schritte neben ihm über den Alten Markt und sah ein verkniffenes, schmallippiges Gesicht, eine Figur mit geraden Gang, unglückselig, im makellosen Anzug.